kachel-Pinselstrich und Pixel

Kann digitale Kunst spontan sein?

Es gibt Fragen, die einen nicht mehr loslassen. Eine davon begleitet mich schon seit längerer Zeit: Kann ein Kunstwerk vollständig digital entstehen, ohne dabei seine Seele zu verlieren?

Wer meine Arbeiten kennt, weiß, wie ich normalerweise arbeite. Ich stehe im Atelier vor einer Leinwand oder einem Blatt Papier, arbeite mit Acrylfarben, Aquarell oder Drucktechniken, forme Skulpturen aus Metall oder ziehe hinaus in die Natur, um mit dem zu arbeiten, was ich dort vorfinde. Meine Kunst war nie auf Perfektion ausgerichtet. Mich interessiert der Moment – die Energie eines Strichs, die Spontaneität einer Bewegung und der Ausdruck, der entsteht, bevor der Verstand eingreift.

Umso größer war meine Skepsis, als ich begann, mich intensiver mit dem digitalen Arbeiten auf dem iPad auseinanderzusetzen.

Mein Ziel war klar: Ich wollte herausfinden, ob sich meine Serie „Tanz“ auch vollständig digital entwickeln lässt. Was zunächst einfach klingt, entpuppte sich schnell als überraschend komplex. Programme wie Procreate eröffnen eine Welt nahezu unbegrenzter Möglichkeiten. Hunderte Pinsel, Texturen, Farben und Einstellungen stehen bereit. Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, etwas zu zeichnen – sondern sich zu entscheiden und vieles bewusst wegzulassen.

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Eine überzeugende Bleistiftstruktur findet man noch relativ schnell. Schwieriger wird es, einen digitalen Pinsel zu entdecken, der die Lebendigkeit von Aquarell oder Acryl auf Papier vermittelt. Nach vielen Versuchen wurde mir klar, dass das gar nicht das eigentliche Ziel sein sollte. Digitale Kunst muss keine Kopie traditioneller Malerei sein. Sie darf ihre eigene Sprache sprechen.

Auch beim Zusammenspiel von Farbflächen und grafischen Linien – dort, wo ich auf Papier gerne wasserlösliche Kreiden einsetze – musste ich neue Wege finden. Am Ende geht es ohnehin nicht darum, ein Material möglichst perfekt nachzuahmen. Entscheidend ist allein die Frage: Kann dieses Werkzeug das ausdrücken, was ich ausdrücken möchte?

Die größte Herausforderung liegt allerdings an einer ganz anderen Stelle.

Digitale Werkzeuge verführen zur Perfektion.

Auf Papier gibt es in meiner Arbeitsweise kaum Korrekturen. Ein Strich bleibt ein Strich. Das Bild wächst aus dem Moment heraus. Während meiner Experimente musste ich oft an meinen ehemaligen Kunstprofessor August Swoboda denken. Beim Aktzeichnen ging er durch den Raum, blieb plötzlich stehen und sagte nur zwei Worte:

„Neues Blatt!“

Damals erschien uns das manchmal fast grausam. Heute weiß ich, dass darin eine der wichtigsten Lektionen der Kunst steckt. Hör auf, bevor du dem Bild seine Lebendigkeit nimmst.

Genau hier liegt die Gefahr der digitalen Malerei. Ebenen lassen sich beliebig verändern, Fehler verschwinden mit einem Fingertipp, jeder Strich kann rückgängig gemacht werden. Man kann so lange verbessern, bis schließlich keine Unvollkommenheit mehr übrig bleibt – und oft auch kein Leben.

Dieses Phänomen beobachte ich nicht nur digital, sondern auch bei meinen Bildserien. Das erste Bild ist meist noch ein vorsichtiges Suchen. Beim Dritten oder vierten entsteht plötzlich ein Flow. Der Strich wird freier, Entscheidungen fallen intuitiv, das Bild gewinnt an Leichtigkeit. Versuche ich anschließend, noch ein „perfekteres“ Werk zu schaffen, kippt häufig genau diese Lebendigkeit wieder. Zu viel Kontrolle nimmt dem Bild seine Kraft.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis meiner digitalen Experimente.

Digitale Kunst kann genauso spontan und unmittelbar sein wie Malerei auf Papier oder Leinwand. Sie verlangt jedoch dieselbe innere Disziplin. Nicht die Software sollte entscheiden, wann ein Bild fertig ist, sondern der Künstler. Man muss bereit sein, auch digital den Mut zu haben, innerlich ein „Neues Blatt“ aufzuschlagen, anstatt endlos weiter zu optimieren.

Ich wollte nie mit einer Fotografie konkurrieren. Wenn ich ein fotorealistisches Bild benötige, greife ich zur Kamera. Mich interessiert etwas anderes: der Ausdruck, die Bewegung, die Spur einer Idee.

Deshalb sehe ich die digitale Malerei heute nicht mehr als Ersatz für klassische Techniken, sondern als eine eigenständige Erweiterung meines künstlerischen Werkzeugs. Vorausgesetzt, der Pinselstrich darf auch auf einem Bildschirm frei atmen.

Denn Kunst entsteht nicht durch das Werkzeug.

Sie entsteht in dem Moment, in dem wir bereit sind, genauer hinzusehen.