Für immer jung
Über die Freude, Neues zu wagen
Vor einigen Tagen habe ich zufällig wieder „Für immer jung“ von André Heller und Wolfgang Ambros gehört. Das Lied aus dem Jahr 1983 kenne ich seit vielen Jahren. Doch heute, mit über sechzig Jahren, höre ich es anders als damals. Manche Texte wachsen mit dem eigenen Leben – und plötzlich entfalten sie eine Bedeutung, die man früher nicht erkennen konnte.
Aus Neugier habe ich mir auch wieder Bob Dylans Original „Forever Young“ angehört. Es ist ein beeindruckendes Lied. Dennoch berührt mich die österreichische Dialektfassung stärker. Vielleicht, weil sie näher an meiner eigenen Sprache und meiner Lebenserfahrung ist.
„Für immer jung“ bedeutet für mich nicht, dass wir dem Älterwerden entkommen können. Es bedeutet vielmehr, alt zu werden, ohne innerlich zu erstarren.
Gerade in meiner künstlerischen Arbeit beschäftigt mich dieser Gedanke. Ich möchte vermeiden, dass sich meine Werke nur noch wiederholen. Es wäre schade, wenn jedes Bild lediglich eine Variation des vorherigen wäre. Kunst lebt von der Offenheit, vom Experiment und von der Bereitschaft, Vertrautes wieder loszulassen.
Ich bewundere Künstlerinnen und Künstler, die bis ins hohe Alter neugierig geblieben sind – Menschen, die neue Ausdrucksformen suchen, Risiken eingehen und sich immer wieder von Neuem begeistern lassen. Im Lied heißt es: „Du sollst vor Liebe brennen und vor Begeisterung.“ Vielleicht ist genau diese Begeisterungsfähigkeit das eigentliche Geheimnis, um jung zu bleiben.
Neugier ist für mich ein wesentlicher Bestandteil der Kunst. Jedes leere Blatt ist eine Einladung, etwas auszuprobieren. Es eröffnet die Möglichkeit, einen Weg einzuschlagen, den ich selbst noch nie gegangen bin – vielleicht sogar einen, den noch niemand vor mir gegangen ist. Gerade darin liegt für mich der Zauber des künstlerischen Arbeitens.
Vor ein paar Tagen musste ich wieder an meinen Kunstprofessor August Svoboda denken. Während der Arbeit sagte er oft nur zwei Worte: „Neues Blatt.“ Damals klang das fast beiläufig. Heute verstehe ich darin eine Lebenshaltung. Es bedeutet: Freue dich über das, was entstanden ist – aber halte nicht daran fest. Beginne noch einmal. Wage den nächsten Schritt.
Während ich über das Lied nachdachte, fiel mir eine ältere Bilderserie von mir wieder ein: „Lebenslinien“.
Ausgangspunkt waren zufällige Aquarellstrukturen – Linien und Farbspuren, die ohne festen Plan auf dem Papier entstanden. Erst danach begann ich, mit der Füllfeder in diesen Strukturen zu zeichnen. Ich folgte den Linien, entdeckte Formen und entwickelte daraus Bilder. Am Ende entstand etwas, das mich an einen Lebensbaum erinnerte – ein Bild für den Weg eines Menschen.
Die Lebenslinien sind für mich eine Auseinandersetzung mit der Zeit. Sie erzählen von dem, was gewesen ist, und lassen zugleich Raum für das, was noch kommen kann. Vergangenheit und Zukunft begegnen sich auf demselben Blatt.
Vielleicht ist das auch eine Form von „für immer jung“. Nicht stehenzubleiben, sondern den eigenen Lebenslinien weiter zu folgen – offen für das, was sich unterwegs noch zeigen wird.
Vielleicht ist genau das die Botschaft von „Für immer jung“.
Nicht jung an Jahren zu bleiben, sondern jung im Denken. Die Fähigkeit zu bewahren, sich immer wieder auf Neues einzulassen, Fragen zu stellen und den Mut zu haben, noch einmal von vorn zu beginnen.
Solange mir das gelingt, fühle ich mich als Künstler tatsächlich ein wenig für immer jung.




