ZEN – Wenn man lange genug hinsieht
Meine Serie „Zen“ beschäftigt sich mit dem, was geschieht, wenn man innehält, genau hinsieht und die Natur wirklich in sich aufnimmt.
Entstanden ist die Serie im Jahr 2009, als Linz Kulturhauptstadt Europas war. Gemeinsam mit meiner Kunstgruppe wollte ich mich an diesem besonderen Jahr beteiligen. Zunächst suchte ich nach einer Möglichkeit, eine lebendige Stadt zum Ausgangspunkt einer neuen künstlerischen Serie zu machen. Meine erste Idee war, Straßen, Flüsse und Wege – vielleicht aus Satellitenaufnahmen betrachtet – wie einen Organismus darzustellen: als Ströme von Energie, Bewegung und Lebendigkeit.
Doch bevor diese Idee Gestalt annehmen konnte, fuhr ich mit meiner Familie in die Toskana. Es war ein heißer Sommer, und in der Mittagshitze hielten wir Siesta. Von unserem Zimmer aus blickte ich durch ein Fenster auf einen Baum. In seiner Krone befand sich offenbar ein Wespennest. Immer wieder beobachtete ich, wie die Insekten hinaus- und hineinflogen. Dabei begann ich, den Baum selbst immer genauer anzusehen.
Und plötzlich erinnerte ich mich an ein Erlebnis, das lange zurücklag.
Während eines Kunstkurses hatte ich einmal einen ganzen Nachmittag vor einem Baum im Schlosspark von Steyr verbracht. Mit dem Bleistift zeichnete ich die Struktur seiner Rinde. Ich versuchte, diese faszinierende Schönheit eines scheinbar kleinen Details festzuhalten. Diese Zeichnung habe ich bis heute. Sie erinnert mich an etwas, das für meine Arbeit wichtig geworden ist.
Das damalige Zeichnen hatte etwas Meditatives. Wir waren mehrere Künstlerinnen und Künstler, die rund um den Baum saßen. Aber nach kurzer Zeit gab es nur noch den Baum, seine Rinde und mich. Je länger man hinsieht, desto mehr entdeckt man. Strukturen, Linien, Spuren, Verletzungen, Wachstum. Und je genauer man schaut, desto interessanter wird dieser Baum.
In der Toskana kehrte dieser Gedanke wieder zurück.
Auch eine Baumrinde besteht aus Linien, Wegen und Strukturen. Im abstrakten Sinn erinnerte sie mich an Straßen und Flüsse, an jene Ströme von Bewegung und Energie, die ursprünglich der Ausgangspunkt meiner Überlegungen gewesen waren. Doch hier war alles bereits vorhanden. Von der Natur geschaffen. Jede Rinde hatte ihren eigenen Charakter, ihre eigene Geschichte.
Die entscheidende Frage war nun: Wie kann man eine Baumrinde in ein Kunstwerk übertragen?
Zu dieser Zeit arbeitete ich viel mit Monotypie – mit dem einmaligen Abdruck von Druckfarbe auf Papier. Und genau diese Erfahrung wurde zum Weg für die Serie „Zen“.
Ich suchte mir einen besonderen Baum, eine besondere Rinde. Oder vielleicht war es manchmal umgekehrt: Der Baum hatte mich gefunden. Oft hatte ich das Gefühl, dass ein bestimmter Baum einfach auf mich wartete.
Die Rinde wurde mit einer wasserlöslichen, umweltverträglichen Druckfarbe eingestrichen und anschließend auf Papier oder Leinwand abgedruckt. Doch es ging mir dabei nie um eine bloße 1:1-Wiedergabe. Entscheidend wurde die Auswahl: Wo setze ich den Abdruck? Welche Strukturen werden kräftig sichtbar? Welche bleiben nur angedeutet? Was lasse ich weg? Und wie entsteht aus den einzelnen Abdrücken eine neue Komposition?
So wurde die Baumrinde nicht einfach kopiert, sondern zu einem eigenständigen Bild.
Seit dieser ersten Serie wiederholt sich dieser Weg immer wieder: hinaus in den Wald, zu einem bestimmten Baum, zu einer bestimmten Struktur. Es entstanden Variationen mit unterschiedlichen Druckfarben und Kombinationen aus Frottage, Druck- und Acrylfarbe. Im Laufe der Jahre habe ich die Technik weiterentwickelt und verfeinert, neue Möglichkeiten gefunden und andere Schwerpunkte gesetzt.
Und doch ist der Kern immer derselbe geblieben.
Wenn die Arbeiten an der Wand hängen, eröffnen sie eine neue Möglichkeit, Natur zu sehen. Plötzlich werden Details sichtbar, die man am Baum selbst vielleicht übersehen hätte. Man entdeckt Landschaften, Flüsse, Wege, Figuren oder abstrakte Räume. Die Natur wird nicht erklärt. Sie wird zum Ausgangspunkt für das eigene Sehen.
Der Titel „Zen“ ist dabei für mich mehr als ein Name. Er beschreibt eine Haltung: das Wesentliche wahrnehmen und alles weglassen, was nicht notwendig ist. Im Idealfall einfach stehen bleiben und schauen.
Für die erste Serie hatte unsere Gruppe das Glück, eine Woche lang oberhalb von Linz im Jägermeierhof arbeiten und experimentieren zu können. Direkt dahinter begann ein großer Wald. Für mich fühlte es sich damals an, als hätte dieser Wald nur darauf gewartet, entdeckt zu werden.
Auch heute, viele Jahre später, ist die Serie „Zen“ für mich etwas Besonderes. Meine Technik hat sich verändert und weiterentwickelt, aber die ursprüngliche Erfahrung ist geblieben: die Konzentration auf einen Baum, auf seine Oberfläche, auf ein scheinbar unscheinbares Detail.
Je länger man hinsieht, desto mehr sieht man.
Und vielleicht beginnt genau dort das Wesentliche meiner Serie „Zen“: nicht in der Suche nach etwas Spektakulärem, sondern in der Bereitschaft, lange genug stehenzubleiben, um das Besondere im scheinbar Gewöhnlichen zu entdecken.
Die Serie „Zen“ mit ihren Frottagen von Baumrinden ist deshalb bis heute ein wichtiger Hauptbestandteil meiner künstlerischen Arbeit.







