Über Wasser gehen
Eine Begegnung mit The Floating Piers von Christo.
Im Juli 2016 standen wir am Iseosee und betraten The Floating Piers von Christo.


Über Wasser zu gehen, verändert den Blick. Das Ufer entfernt sich langsam, der See wird zum Weg und der Horizont öffnet sich. Für einen Moment verliert man das Gefühl für das Gewohnte. Man bewegt sich zwischen Himmel und Wasser und erlebt den See aus einer Perspektive, die sonst nicht möglich ist.
Was mich bis heute besonders berührt, ist nicht nur das Kunstwerk selbst. Es sind die Menschen.

Tausende Besucher bewegten sich gemeinsam über die Stege – ohne Hektik, ohne Gedränge. Viele lächelten, manche blieben einfach stehen und schauten. Für einige Stunden entstand ein Raum, in dem das gemeinsame Erleben wichtiger war als das schnelle Ankommen.
Doch es gab auch eine andere Seite.
Die Anreise nach Sulzano war von Menschenmassen geprägt. Absperrungen, Warteschlangen und die Unsicherheit, ob man überhaupt weiterkommt, bestimmten den Weg. Wer dort war, konnte den Ort kaum unabhängig vom Kunstwerk erleben. Alles war auf dieses eine Ziel ausgerichtet.
Damals schrieb ich spontan den Gedanken auf, dass mich dieses Gefühl der Enge und des Ausgeliefertseins an Berichte von Menschen erinnert, die auf ihrer Flucht keine Wahl haben. Heute würde ich diesen Vergleich vorsichtiger formulieren. Die Situationen sind natürlich nicht vergleichbar. Geblieben ist jedoch die Erinnerung daran, wie sehr äußere Umstände beeinflussen können, wie frei wir uns bewegen und entscheiden können.
Deshalb kamen wir am nächsten Morgen noch einmal zurück – diesmal mit dem Boot.
Erst aus dieser ruhigeren Perspektive konnten wir das Kunstwerk wirklich auf uns wirken lassen.
Vielleicht ist das eine Erfahrung, die weit über The Floating Piers hinausgeht.
Manchmal braucht Kunst Abstand. Nicht, um sich von ihr zu entfernen, sondern um ihr wirklich begegnen zu können.



