Was geschieht, wenn wir bereit sind, genauer hinzusehen?
Für mich beginnt jede Bildserie mit einer Beobachtung.
Die Serie „Tanz“ entstand aus der Faszination für einen flüchtigen Augenblick.
Beim Betrachten eines Tänzers sehen wir meist eine Bewegung.
Mich interessiert jedoch der Moment dazwischen.
Der kurze Augenblick, in dem Rhythmus, Körperspannung, Gleichgewicht und Ausdruck zu einer Einheit werden.
Dieser Moment dauert oft nur einen Wimpernschlag.
Und genau deshalb fasziniert er mich.
Ein Fotograf kann diesen Augenblick mit der Kamera festhalten.
Als Maler stehe ich vor einer anderen Aufgabe.
Ich muss den Eindruck, den diese Bewegung in mir hinterlässt, unmittelbar in Farbe und Linie übersetzen.
Deshalb zeigen meine Bilder keine exakte Darstellung eines Tänzers oder einer Tänzerin.
Sie sind der Versuch, das sichtbar zu machen, was sich in diesem flüchtigen Moment offenbart.
Für diese Serie arbeitet ein Modell mit wiederkehrenden Schrittfolgen.
Die Wiederholung ermöglicht es mir, dieselbe Bewegung immer wieder neu zu beobachten.
Und doch gleicht kein Augenblick dem anderen.
Irgendwann entsteht dieser eine Moment.
Eine Haltung.
Eine Spannung.
Eine Richtung.
Dann beginne ich zu arbeiten.
Der erste Arbeitsgang erfolgt mit Aquarell.
Dabei bleibt kaum Zeit zum Nachdenken.
Ich muss schnell reagieren und mich ganz auf das Wesentliche konzentrieren.
Nicht die Details interessieren mich.
Sondern die Energie der Bewegung.
Deshalb arbeite ich auf großem Papier.
Große Bewegungen des Arms übertragen den Rhythmus des Körpers unmittelbar auf das Bild.
Auch die Musik gehört zu diesem Prozess.
Sie begleitet nicht nur das Modell.
Sie beeinflusst ebenso meine eigene Bewegung.
Der Rhythmus des Tanzes setzt sich im Rhythmus des Pinsels fort.
So entsteht ein Dialog zwischen Musik, Körper und Malerei.
Im zweiten Schritt arbeite ich mit dem Stift weiter.
Die Linien beschreiben nicht den Körper.
Sie verstärken Spannung, Richtung und Dynamik.
Oft genügen wenige Striche, um einer Figur mehr Ausdruck zu verleihen als eine vollständig ausgearbeitete Zeichnung.
Zum Schluss entstehen – wenn überhaupt – einzelne Farbakzente.
Dann braucht das Bild das Modell nicht mehr.
Es beginnt, seinen eigenen Weg zu gehen.
Spontaneität spielt in meiner Arbeit eine zentrale Rolle.
Nicht, weil sie Zufall bedeutet.
Sondern, weil sie Konzentration verlangt.
Je länger ich male, desto wichtiger wird für mich die Fähigkeit, den richtigen Moment zu erkennen und ihm zu vertrauen.
Vielleicht erzählt diese Serie deshalb gar nicht vom Tanz.
Sondern von Aufmerksamkeit.
Von der Bereitschaft, einen flüchtigen Augenblick wirklich wahrzunehmen.
Meine Kunst ist eine Einladung, die Welt mit größerer Aufmerksamkeit zu sehen.
Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Kern dieser Serie.
Nicht die Bewegung festzuhalten.
Sondern sichtbar zu machen, was geschieht, wenn wir bereit sind, genauer hinzusehen.




