Monotypie
Was erwartet einen, wenn man das Blatt wendet?
Einen ersten Kontakt mit der Technik der Monotypie hatte ich bei Karl Heinz Schönswetter in St. Radegund. Dort hatten wir eine ganze Woche Zeit, uns mit der Technik vertraut zu machen, verschiedene Drucksteine auszuprobieren, unterschiedliche Papiere zu verwenden und mit verschiedenen Druckfarben zu experimentieren.
Ich war sofort von der Technik und ihren Möglichkeiten fasziniert.
Man kann nur einen Abdruck machen – eine Monotypie. Kein Blatt gleicht dem anderen. Und trotzdem entsteht eine Art Wiederholung, wenn man ähnliche Drucksteine oder Formen verwendet. Es gibt also innerhalb einer Serie eine Verbindung, obwohl jedes einzelne Blatt einmalig bleibt.
Natürlich habe ich mir danach zu Hause die Möglichkeiten geschaffen, selbst mit Monotypie zu arbeiten. Dafür benötigt man keine große Druckerpresse. Wichtig sind unterschiedliche Stein- oder Glasplatten, Farbe und Papier.
Das Faszinierendste an der Technik ist für mich dabei zweierlei.
Zum einen kann man mehrere Schichten übereinander drucken. Dadurch lässt sich ein Bild Schritt für Schritt aufbauen und verändern.
Zum anderen sieht man erst in dem Moment, in dem man das Blatt von der Druckplatte wegzieht und umdreht, was wirklich entstanden ist.
Das ist immer wieder spannend und ein ganz besonderer Moment.
Denn ich kann das Ergebnis nur teilweise kontrollieren. Es ist immer auch etwas Zufall und Inspiration dabei. Genau das ermöglicht mir, wesentlich freier zu arbeiten. Das Gehirn kann nicht vollständig kontrollieren, wie das fertige Bild aussehen wird.
Und gerade diese eingeschränkte Kontrolle empfinde ich als große Chance.
Mein Arbeitsprozess beginnt meistens mit einer Grundkontur, die ich mit verschiedenen Drucksteinen anlege. Für den letzten Schritt verwende ich häufig einen großen Stein mit schwarzer Druckfarbe. Ich lege das Blatt auf die Druckplatte und zeichne von der Rückseite die grafischen Elemente.
Dabei muss ich berücksichtigen, dass alles spiegelverkehrt erscheint, wenn ich das Blatt anschließend umdrehe.
Aber genau diese Situation hat auch eine unmittelbare Auswirkung auf die Zeichnung.
Ich sehe nicht, was ich zeichne.
Dadurch kann ich während des Zeichnens nicht ständig überprüfen, ob eine Linie genau dort sitzt, wo ich sie haben möchte. Ich kann nicht zögern, korrigieren oder mich vorsichtig an eine Form herantasten. Die Striche entstehen deshalb viel unmittelbarer – gestischer, dynamischer und spontaner.
Diese Art des Zeichnens hat den Bildern eine ganz eigene Qualität gegeben.
Wie in vielen meiner Arbeiten geht es auch hier um figurale Darstellungen. Mich interessieren Dynamik, Bewegung, Spannung und Energie. Durch die Arbeitsweise der Monotypie bekommen diese Eigenschaften eine besondere Unmittelbarkeit. Die Linie ist nicht mehr nur die kontrollierte Beschreibung einer Figur. Sie trägt die Bewegung des Augenblicks in sich.
Das ist für mich ein wesentlicher Unterschied zu einer Zeichnung, bei der ich das Entstehende ständig vor Augen habe. Dort kann Unsicherheit entstehen: Ist die Linie richtig? Ist die Proportion richtig? Muss ich sie verändern? Bei der Monotypie kann ich diese Fragen während des Zeichnens gar nicht vollständig stellen.
Ich muss zeichnen und darauf vertrauen, dass etwas entstehen wird.
Und erst danach sehe ich, was ich tatsächlich gemacht habe.
Genau das ist aber auch hilfreich für Spontanität und für außergewöhnliche, nicht vollständig kontrollierte Ergebnisse.
Wenn ich in meinen Bildern eines Tages gar kein Risiko mehr eingehe und nur noch das mache, von dem ich weiß und sicher bin, dass es funktioniert und gut aussieht, dann wird die Kunst für mich eigentlich uninteressant.
Kunst benötigt für mich die Möglichkeit, dass etwas anders kommt als erwartet.
Deshalb liebe ich Techniken wie die Monotypie, die mich davor bewahrt, mich selbst zu kopieren.
Dabei bedeutet das Loslassen von Kontrolle nicht, dass ich den Zufall alles machen überlasse. Nach dem Wenden des Blattes beginnt wieder ein anderer Teil des künstlerischen Prozesses. Ich sehe, was entstanden ist, und muss darauf reagieren. Ich kann etwas ergänzen, Schwerpunkte setzen, weitere Schichten aufbauen – oder feststellen, dass ein Blatt nicht funktioniert.
Das fertige Bild entsteht für mich deshalb aus einem Wechselspiel: Planung und Überraschung, Kontrolle und Loslassen.
Die Technik ist außerdem zügig. Dadurch kann man in relativ kurzer Zeit eine große Menge an Bildern entstehen lassen und viele Möglichkeiten ausprobieren. Man muss aber auch damit leben, dass einige davon einfach nicht gelungen sind.
Der Anspruch ist für mich nicht, dass jedes Bild fertig werden muss.
Bilder, die nichts geworden sind, werden einfach vernichtet. Auch das gehört für mich zum künstlerischen Prozess. Wenn man weiß, dass nicht jedes Blatt erhalten bleiben muss, entsteht eine größere Freiheit, etwas zu riskieren und Neues auszuprobieren.
Aus der Technik der Monotypie sind für mich im Laufe der Zeit einige andere Serien entstanden, die diese Technik mit anderen Verfahren und Materialien kombinieren.
Die Monotypie ist damit für mich weit mehr als eine Möglichkeit, Farbe auf Papier zu bringen. Sie ist eine Arbeitsweise, die mir erlaubt, Kontrolle abzugeben, Zufall zuzulassen und mich selbst überraschen zu lassen.
Und gleichzeitig hat sie meine Art zu zeichnen verändert. Das Nichtsehen während des Zeichnens führt zu einer Linie, die unmittelbarer und freier ist. Die Bewegung wird nicht nachträglich dargestellt – sie steckt bereits im Entstehungsprozess der Linie.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Monotypie so gut zu meiner Arbeit passt.
Mich interessieren Figur, Bewegung, Spannung und Energie. Die Technik nimmt mir einen Teil der Kontrolle und gibt mir dafür etwas anderes zurück: eine Zeichnung, die unmittelbarer reagiert, als ich sie bewusst planen könnte.
Und wie bei jeder Drucktechnik bleibt für mich das Spannendste am Ende dieser eine Moment:
Wenn man das Blatt wendet.



